Der Mond schien hell und die laue Nachtluft lud zu einem Spaziergang ein. Ohne mich zu verabschieden, setzte ich mich von der Party ab und beschloss, zu Fuß zum Hotel zu gehen, das nur wenige Minuten entfernt lag.  Ich war mir sicher gewesen, den Weg zu kennen, aber eine halbe Stunde später musste ich mir eingestehen, dass ich, ohne es zu bemerken, die Innenstadt verlassen und mich verlaufen hatte. Der fahle Mondschein beleuchtete verwahrloste Lagerhäuser und baufällige Schuppen, die links und rechts der Straße lagen.

Mit einem mulmigen Gefühl beobachtete ich meinen eigenen Schatten, der mich hartnäckig verfolgte. Ich ging an einer Horde Müllcontainer vorbei, die sich in einer dunklen Ecke vor einer Halle mit der Aufschrift SCHLACHTHOF versammelt hatten. Als mir der süßliche Geruch von Verwesung in die Nase stieg, beschleunigte ich meine Schritte. Plötzlich schepperte es. Vor Schreck sprang ich zur Seite. Einer der Container hatte sich auf mich zubewegt. Immer noch vibrierte und klapperte es im Innern des metallenen Ungetüms und ein Schnaufen drang heraus. Was zur Hölle war das? Ich blieb einige Meter entfernt stehen und beäugte das Ding mit klopfendem Herzen, bereit, sofort wegzurennen. Vielleicht befand sich ein Tier darin. Oder ein Mensch, der einem Verbrechen zum Opfer gefallen war und nun gefesselt und geknebelt in dem Müll lag. Ich tastete nach meinem Handy, aber dann fiel mir ein, dass der Akku leer war. Ich könnte einfach weitergehen und so tun, als hätte ich nichts bemerkt. Aber dann würde ich mir später Vorwürfe machen und denken, dass vielleicht meinetwegen ein Mensch gestorben war. Auf Zehenspitzen schlich ich mich näher. Der Verwesungsgeruch nahm zu. Ich unterdrückte die aufkommende Übelkeit und atmete durch den Mund. Es rumpelte und schnaufte immer noch im Bauch des Ungetüms. Solche Geräusche konnten weder von einem Hund noch von einem Waschbären stammen, sie waren sicher menschlich. Meine Hände zitterten, als ich in meinen Beutel griff, um meine kleine Taschenlampe herauszuholen. In meiner Kehle bildete sich ein Kloß. Warum nur war ich allein zu Fuß losgegangen, statt ein Taxi zu nehmen? Ich atmete tief durch, fasste an den Griff des Containers, drückte den Deckel mit aller Kraft zurück und leuchtete mit der Taschenlampe in das Innere. Ein Wesen mit bleicher, faltiger Haut und langen Armen, fast wie Gollum, nur größer und fetter, saß zwischen Fleischresten und blickte zu mir hoch.

„Ein Ghul!“, schoss es mir in den Sinn.

Geblendet von dem Licht der Taschenlampe bleckte die Kreatur die Zähne und entblößte ihr Raubtiergebiss. Ich taumelte zurück, schrie vor Entsetzen und rannte. Auf der geraden Straße waren meine Chancen gering, also bog ich ab, verfolgt vom Knurren und Schnauben der Bestie. Ich sprintete durch einen Tunnel, der unter einer Straße hindurchführte und kam auf einem ummauerten Platz zum Stehen. Panisch drehte ich mich im Kreis. Hier gab es kein Entrinnen. Aus der Dunkelheit der Unterführung fixierten mich die gelben Augen des Ghuls. Die Muskeln seines massigen Körpers spannten sich zum Angriff. Ich wich zurück und presste meinen Rücken gegen die Mauer. Mit einem Sprung erreichte das Biest die Mitte des Platzes und – stoppte abrupt, neigte seinen Kopf und lauschte.

Ein lautes Keuchen entwich meiner Kehle, aber der Ghul hatte keine Augen mehr für mich. Mit entrücktem Blick schwang er sich hin und her, im Takt, als versuche er zu tanzen. Ich horchte, konnte aber nur das Rauschen meines Blutes in den Ohren hören. Vorsichtig schob ich mich an der Mauer entlang. Vielleicht kam ich auf diese Weise bis zu dem Tunnel. Als ich mich ihm näherte, vernahm ich leise Flötentöne. Sie waren so schön anzuhören, dass ich stehenblieb und lauschte. Irgendwoher kannte ich diese Melodie. Die Musik kam näher, ein Schimmer erhellte die Unterführung und ein weiteres Wesen trat heraus. So furchterregend abstoßend der Ghul wirkte, so bezaubernd schön strahlte diese Lichtgestalt. Halb Vogel, halb Mensch schillerte sein Federkleid in dem phosphoreszierendem Licht, das ihn einhüllte. Der Mund unter der langen, schmalen Nase war gespitzt und die wundersamen Töne kamen von seinen Lippen. Jetzt erkannte ich die Melodie des Vogelfängers aus Mozarts Zauberflöte.

„Papageno“, flüsterte ich.

Als Antwort zwinkerte mir der gefiederte Mann aus seinen grünen Augen zu.

Die Melodie wurde ruhig und einschläfernd, wie ein Wiegenlied. Ich löste meinen Blick von dem Vogelmann und blickte mich nach dem Ghul um. Dieser hatte sich in einer Nische der Mauer zusammengerollt. Eingelullt vom Wiegenlied schloss er die Augen und sah gar nicht mehr gefährlich aus.

Papageno nahm mich an die Hand und führte mich zurück auf die Straße. Ich wusste, dass ich Schuhe trug und auf Asphalt durch die nächtliche Stadt ging, aber die Melodien, die ich jetzt hörte, ließen mich von einer Blumenwiese träumen. Ich hörte das tiefe Brummen der Hummeln und das klare Zwitschern der Vögel, der Geruch von Flieder kitzelte in meiner Nase und unter meinen Fußsohlen spürte ich Gras. Es war mir, als wäre ich ein Kind. Ich konnte mich nicht sattsehen an dem Vogelmann neben mir. Seine blauen und grünen Federn leuchteten und seine Schritte klangen wie ein Windspiel, das den Takt angab.

Ich hätte ewig weitergehen können, aber irgendwann ließ der Vogelmann meine Hand los und der schöne Traum wich der Realität. Ich erblickte eine Einkaufsstraße, die hohen Gebäude der Innenstadt und die Dämmerung des anbrechenden Morgens. Wir waren an meinem Hotel angelangt.

„Werden wir uns jemals wiedersehen, Papageno?“, fragte ich und Tränen stiegen mir in die Augen.

„Eines schönen Tages“, klang seine volle Stimme. Er griff in sein Federkleid und holte eine goldgrüne Feder heraus, die er mir in die Hand legte. Zum Abschied strich er mir über das Haar, dann verschwand er in einer Wolke glitzerndem Feenstaubs.