Das Abenteuer meines Lebens

Morgen sollte das Abenteuer meines Lebens beginnen. Meine Mutter war allerdings davon überzeugt, dass mein Leben bald enden und sie mich nie wieder zu Gesicht bekommen würde. Sie versuchte alles, um mich zum Bleiben zu überreden. Gestern hatte sie gefragt: „Kannst du die Reise nicht um ein Jahr verschieben?”

„Wieso?” Ich verstand nicht, worauf sie hinaus wollte.

„Nächstes Jahr wird Marvin 18 und volljährig”, erwiderte sie.

Aha: Sie ging in Gedanken alle Schreckensszenarien durch. Sie glaubte, es wäre einfacher, wenn mein Sohn volljährig wäre, falls ich nicht mehr zurückkommen würde.

Ich hatte meiner Familie und meinen Freunden erzählt, dass ich in Afrika eine Bekannte besuchen würde, die vor einigen Jahren dorthin ausgewandert sei. Das war gelogen. Hätte ich die Wahrheit gesagt, dann wäre nicht nur meine Mutter besorgt gewesen, sondern alle, die mich kannten.  Die Bekannte gab es  nicht. Stattdessen hatte ich jede Menge Internetbekanntschaften. Und einige dieser Online-Freunde wollte ich in Ghana, Westafrika, besuchen.

Ghana ist kein klassisches Touristenziel, das wurde mir klar, als ich die Reise gebucht hatte. Ich konnte kein Hotel in einer angemessenen Preisklasse finden, denn die Preise der angebotenen Hotels waren unglaublich hoch – und das vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der dortigen Bevölkerung ohne fließendes Wasser lebt und der Strom täglich über Stunden ausfällt. Mir erschien es unangemessen, in einem Novotel oder im Radisson Resort Hotel abzusteigen.  Ich wollte die Menschen hautnah erleben. Ich wollte wissen, wie sie lebten und meine Freunde wollte ich nicht in einem Luxushotel empfangen. Abgesehen davon hätte mein Geldbeutel das sowieso nicht zugelassen. Also hatte ich einen meiner Internetbekannten gebeten, mir eine saubere Unterkunft zu besorgen mit fließendem Wasser, Badezimmer und zu einem angemessenen Preis.

Der gute Mann hatte mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel gebucht, das in der Nähe des Ghettos lag, in dem er lebte. Auf den Bildern sah es recht ansprechend aus, eher wie ein Gästehaus. Der Preis lag bei 25 Euro am Tag inklusive Frühstück, allerdings musste das Zimmer bereits bei der Buchung bezahlt werden. Daher hatte ich das Geld schon Wochen vorher per Western Union an meinen Bekannten gesendet. Ich muss zugeben, dass mir das gar nicht behagte, aber jetzt war es eh zu spät, sich Gedanken zu machen.

Die letzte Nacht zuhause schlief ich sehr unruhig und langsam wurde mir bewusst, wie unvernünftig ich war. Ich reiste ohne Reisegruppe und ohne Begleitung auf eigene Faust als weiße Frau nach Schwarzafrika und traf mich mit Menschen, die ich nie zuvor persönlich kennengelernt hatte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Nach dem Frühstück fuhren meine Eltern mich zum Shuttle-Bus, der mich zum Flughafen bringen würde. Meine Mutter zitterte und hatte Tränen in den Augen, als wir uns umarmten.

Mein Gepäck umfasste zwei Koffer. Afrikaner erwarten Gastgeschenke, wenn Freunde oder Verwandte aus Übersee zu Besuch kommen. Also hatte ich den zweiten Koffer mit Dingen vollgestopft, die die Welt nicht braucht: Von Baseball-Caps bis hübsch bestickte Handtücher, von Playboy-T-Shirts über Adidas-Herrendüfte, Freundschaftsbänder, Nageletuis, bemalte Tassen etc. Ich konnte nur hoffen, dass das ganze Zeug den Flug unbeschadet überstand.

Am Flughafen wurde ich unruhig. Hatte ich alle Papiere dabei? Nervös fummelte ich an meiner Gürteltasche und holte den Inhalt heraus: Reisepass mit Visum, Flugtickets, Bargeld, Handy, Impfpass…ach je, das mit den Impfungen war auch so ein Akt gewesen. Um ein Visum für Ghana zu erhalten, brauchte ich eine Gelbfieberimpfung. Also war ich zwei Monate zuvor zu unserem örtlichen Institut für Tropenkrankheiten gegangen und fühlte mich danach selbst wie ein wandelnder Krankheitserreger: Gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf und Polio war ich bereits geimpft. Nun waren noch Gelbfieber, Tollwut, Hepatitis A und B, Cholera und Typhus hinzu gekommen. Als mein Hausarzt meinen bunten Impfausweis sah, sagte er lachend: „Nun bist du ja gewappnet und kannst vor den Hyänen Lambada tanzen, während du ihnen zurufst: ‚Beißt mich doch, beißt mich doch!’ Du musst mir unbedingt berichten, wie es war, wenn du wieder zurück bist.”

Schon der Flug von Hamburg nach London-Heathrow war aufregend. Ich klebte förmlich am Kabinenfenster und staunte, wie geordnet, sauber und gepflegt die Londoner Vororte aussahen. Die Golfplätze schmiegten sich wie gemalt in die akkurat gestaltete englische Landschaft. Die Häuschen standen adrett aufgereiht an den, wie mit Lineal und Geodreieck gezogenen Straßen.

Nicht aufregend sondern unheimlich war der Flug von London nach Accra. Es waren nur wenige Weiße an Bord und zum ersten Mal erlebte ich, wie es sich anfühlt, mit der eigenen Hautfarbe aus der Rolle zu fallen. Ich hatte mir einen Fensterplatz reserviert, weil ich Afrika unbedingt aus der Vogelperspektive sehen wollte. Doch leider verhüllte Mama Afrika ihr Antlitz hinter feinen Schleierwolken und es gab nichts zu sehen außer weißer Dunst. Die ältere Dame neben mir erzählte ihre gesamte Familiengeschichte und sie warnte mich davor, mich in Accra allein auf den Weg zu machen. Es wäre zu unsicher und gefährlich ohne Begleitung. Ich versicherte ihr, dass ich vom Flughafen abgeholt werde und mich in Accra in gute Hände begeben würde. Hoffentlich behielt ich Recht.

Dann war es soweit! Das Flugzeug setzt zur Landung an. Draußen war es bereits dunkel. Wir durchbrachen die Wolkendecke, die darunterliegende Welt hüllt sich in feinem Nieselregen. Accra taucht vor meinen Augen auf. Der Anblick war überwältigend: Ein wunderschöner, funkelnder Streuselkuchen aus gelben und weißen Lichtern breitete sich vor meinen Augen aus. Ich sah keine Straßen, keine Autos, keine Häuserzüge – nur Millionen von Lichtflecken, die sich bis zum Horizont erstrecken, völlig ohne erkennbare Strukturen. Innerhalb dieses Streuselkuchens waren unregelmäßige Gebiete in totale Finsternis getaucht. Was mochte dort wohl sein? Ich konnte mich nicht satt sehen an dem großartigen Schauspiel aus Licht und Schatten, viel zu schnell kam die Landebahn in Sicht und das Flugzeug setzte ohne Probleme auf die regennasse Rollbahn auf.