Ich hatte mal wieder die Arschkarte gezogen. Wie sollte es auch anders sein? Sie brachten mich in einen Verhör-Raum. Wenigstens hatten sie mir vorher die Handschellen abgenommen. Meine Handgelenke waren schon ganz wund von dem Rumgezerre.

„Ihr Name ist Jessika Kramer, richtig?“ Der Polizist betrachtete meinen Personalausweis, der vor ihm lag.
„Ja.“
„Wie alt sind Sie?“
Verwirrt blickte ich ihn an. „Das steht doch auf meinem Personalausweis. Ich meine, da steht mein Geburtsdatum. Warum fragen Sie mich das?“
„Beantworten Sie einfach meine Frage.“
Ich seufzte. „Ich bin 36.“
„Nennen Sie mir die Namen Ihrer Komplizen.“
„Bitte was?“ Verständnislos starrte ich den Mann an.
„Sie haben ganz genau gehört, was ich gesagt habe.“ Er war sauer. Das hörte ich an seiner Stimme. Er behandelte mich wie ein kleines Kind.
Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln. „Bitte, ich weiß wirklich nicht, was das hier alles soll. Ich weiß nur, dass ich in den Laden gegangen bin, um mir einen Labello zu kaufen.“
„Einen Labello, ja? Den wollten Sie am Flughafen bei Chanel kaufen? Binden Sie mir doch keinen Bären auf!“
„Ich, ich, ich dachte, das ist eine Drogerie. Ich bin da rein und dann wurde mir schwindelig. Das Wetter macht mir manchmal zu schaffen und dann spielt mein Kreislauf verrückt. Ich bin gestolpert, habe versucht mich festzuhalten und habe dabei wohl ein Regal umgerissen.“
„Den halben Laden haben Sie demoliert und die Verkäuferinnen abgelenkt, während Ihre Komplizen die Kasse und zwei Vitrinen ausgeräumt haben. Sehr geschickt eingefädelt.“ Der Polizist pfählte mich mit seinem Blick.
Hilflos hob ich die Hände. „Davon weiß ich nichts. Ehrlich! Mir war schwarz vor Augen und als ich wieder zu mir kam, waren überall Polizisten und sie haben mich festgenommen.“
Er nahm meinen Personalausweis in die Hand, betrachtete abwechselnd mich und das Foto.
Schwach versuchte ich, mich zu verteidigen: „Das Foto ist schon etwas älter – acht Jahre oder so.“
„Zehn Jahre. Der Ausweis ist seit zwei Monaten abgelaufen und unter der angegebenen Adresse sind Sie nicht gemeldet.“
Ich schlug mir vor die Stirn. „Oh, das ist selten dämlich von mir. Sorry. Ich habe vergessen, den Ausweis zu verlängern. Und mein Freund hat die Wohnung aufgelöst, nachdem er mich an die Luft gesetzt hat. Ich wohne im Moment hier und da bei Freunden. Hören Sie, ich verpasse meinen Flieger. Ich muss ganz dringend nach Berlin.“
Der Bulle zog mein Flugticket aus der Klarsichthülle, die neben meinem Perso lag. „Mit dem abgelaufenen Ausweis lässt man sie gar nicht erst an Bord. Was wollen Sie denn in Berlin?“
„Naja,“ druckste ich herum. Ich wandte mich ein wenig, dann platzte ich damit raus: „Ich habe ein Date mit dem Bundespräsidenten. Wenn ich nicht fliegen kann, muss ich mir unbedingt eine schnelle Zugverbindung suchen, sonst verpasse ich den ganzen Zauber.“
„Erzählen Sie kein Bullshit!“, herrschte er mich an. „Date mit dem Bundespräsidenten. Mit Ihnen geht die Fantasie durch!“
Kleinlaut und den Tränen nahe erwiderte ich: „Aber was soll ich machen? Das ist wirklich so. Ich soll den Bundesverdienstorden bekommen. Für meine schriftstellerische Tätigkeit, die die Kulturen der Welt zusammenbringt. Ich schreibe unter dem Namen Laura Savard. Sie können bei Wikipedia nachsehen und Sie können im Schloss Bellevue anrufen.“

Zwei Stunden später verließ ich die Polizeistation und ging über Umwegen zum vereinbarten Treffpunkt. Diesmal war es Stephen, der dort in einem schwarzen Jaguar wartete. Sichtlich mitgenommen ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen.
„Das hat lange gedauert“, sagte er. „Alles okay?“
„Jaja.“ Ich war schlecht drauf. „Nächstes Mal gebt Ihr Euch mehr Mühe mit den Dokumenten! Würde diese Schreibsel-Tussi morgen nicht den Orden kriegen, dann säße ich jetzt im Knast.“