Es ging alles sehr schnell. Der mächtige Kotflügel des Busses streifte mein Hinterrad, ich verlor das Gleichgewicht, Metall kreischte auf Asphalt, Knochen knirschten, gefolgt von einem grässlichen Knacken. Dann wurde es still.

Still sank ich immer tiefer. Ich spürte, dass ich nicht alleine war, aber es gab nichts zu sehen. Plötzlich zerriss die Dunkelheit und ich befand mich in dem Körper einer älteren Dame, die im Bus in der ersten Sitzreihe an der Tür saß. Ich blickte durch ihre Augen, die gedankenverloren aus dem Fenster schauten, als ich mich selbst auf meinem Rennrad am Fenster vorbeischießen sah – gerade als der Bus losfuhr. Ein lautes Schrammen, ich sah meinen Kopf gegen die Scheibe der Eingangstür schlagen, bevor mein Körper aus dem Blickfeld verschwand und der Asphalt unter dem Fenster sich rot färbte.

Abrupt änderte sich die Perspektive. Jetzt saß ich am Lenkrad des Busses und blickte auf den verstopften Kreisverkehr. Ich folgte den Gedanken des Busfahrers, die sich um seine Familie drehten. Seine Frau hatte ihn gestern Abend verlassen. Die Autos vor uns bewegten sich und rückten vor. Meine eigene Identität verschwamm. Automatisch blickte ich in den Rückspiegel und setzte den Blinker. Seit Sperrung der Wehrburgbrücke ist hier morgens kaum noch ein Durchkommen. Links neben dem Bus hupte jemand und ich war kurz abgelenkt, während ich los fuhr. Im selben Moment nahm ich einen Schatten im Augenwinkel wahr, der rechts gegen die Tür schlug, und spürte, dass der Bus über etwas hinüberfuhr. Ich rammte meinen Fuß auf die Bremse und der Bus blieb abrupt stehen. Die Frau, die auf dem ersten vorderen Platz an der Tür saß, fing an zu schreien. Hastig öffnete ich die Tür und sprang hinaus. Mein Blick fiel auf das Blut, das den Bordstein entlang rann. Mit zitternden Knien bückte ich mich, um zu sehen, was sich unter dem Bus befand. Der Anblick war nicht zu ertragen und mir wurde schwarz vor Augen.

Ich floh hinauf, über die Köpfe der Menschen hinweg und ließ den Busfahrer, der neben seinem Bus zusammensackte, unter mir zurück. Ich wollte nur weg von hier, fort von dem Chaos aus Menschen, Autos und Bussen, fort vom Entsetzen in den Augen und den Köpfen der Leute, ich wollte hoch, bis hinter die Wolken, die den Blick auf den Ort des Geschehens verschleierten. Ich entfernte mich immer weiter. Die Häuser und Straßen schrumpften auf Spielzeuggröße, dann verschwanden sie. Stattdessen füllten ganze Gebirgszüge und das Meer meine Sicht. Die Erdatmosphäre umhüllte bläulich schimmernd den Planeten wie eine zarte, durchlässige Aura. Dieser wunderschön anzusehende Erdball umkreiste mit seinen Geschwistern die Sonne, die mit Milliarden ihresgleichen um den heißen Mittelpunkt der Milchstraße herumwanderte, die sich wiederum mit hunderten anderen Galaxien zu einer Familie zusammenfand. Hier gab es kein Oben oder Unten – und auch kein gestern oder morgen. Ich spürte die Weite des Kosmos, aber ich war nicht allein. Mit mir war das Große Selbst, das das gesamte Universum umfasste und zusammenhielt, das auch mich hielt, wenn ich zu taumeln drohte, das mir Geborgenheit schenkte und mich ermunterte, mir alles anzusehen, was ich sehen wollte. Und ich wollte alles ganz genau untersuchen und erforschen, denn meine Neugierde war erwacht. Das eine Ende des Universums war nur ein Wimpernschlag von dem anderen Ende entfernt und ich konnte an jeden beliebigen Punkt in Raum und Zeit springen. Groß und Klein hatten keine Bedeutung mehr, egal ob Quasare oder Quarks, ich konnte mit ihnen jonglieren, sie berühren und sie begreifen. Ich war das Universum selbst. Doch irgendwann, nach tausend Jahren der Erkundung erinnerte ich mich an meine letzte Identität und es zog mich zurück zur Erde – zurück an den Punkt der Zeit, zu dem mein menschlicher Geist seinen Körper verlassen hatte.

Aus der Vogelperspektive sah ich einen Krankenwagen, der sich durch den Verkehrsstau zwängte. Menschen standen um den Bus herum, einige weinten, andere gafften und machten Handyfotos. Ein Ersthelfer kümmerte sich um den Busfahrer, bis endlich der Notarzt eintraf. Irgendjemand hatten meinen Körper unter dem Bus hervorgezogen, der Arzt konnte aber nur noch meinen Tod feststellen. Eigentlich war ich zurückgekommen, weil ich die Hoffnung hatte, wieder in mein altes Leben zurückkehren zu können, denn ich hatte begriffen, dass das Menschsein etwas Besonderes ist. Es ist ein Geschenk, das uns ermöglicht, uns gegenseitig als das zu erkennen, was wir wirklich sind. Es stimmte mich ein wenig traurig, dass es keinen Weg zurück gab. Ich konnte den Menschen zwar ganz nah sein, ich konnte in sie hineinfühlen, ihre Gedanken lesen, durch ihre Augen sehen, aber sie bemerkten mich nicht und es war nicht dasselbe wie einen eigenen Körper zu besitzen. Ich besuchte meinen Freund, meine Eltern und Freunde. Ich sprach zu ihnen, sagte ihnen, dass alles in Ordnung sei, aber sie hörten mich nicht. Ich umarmte sie, tröstete sie, aber sie fühlten mich nicht. Nur Mutters Katze erkannte mich und schnurrte entspannt, als ich ihr das Ohr kraulte.

Doch es gibt einen Weg der Kommunikation, sonst könntest du jetzt diese Worte und meine Geschichte nicht lesen. Ich habe eine Frau gefunden,  die mir für kurze Zeit ihre Hände geliehen hat, damit ich schreiben kann, was mir am Herzen liegt, bevor ich zu neuen Ufern aufbreche. Ich überbringe dir eine einfache und kurze Botschaft, die alles verändern kann, wenn du dich nur oft genug daran erinnerst: Dein Leben hat eine große Bedeutung für das Universum. Du bist mit Körper und Geist ausgestattet worden, damit du erfahren kannst, was deine Seele schon immer wusste, denn deine Erfahrungen sind es, nach denen sich das Große Selbst sehnt. Du bist ein Teil des Großen Selbst, das dich in dein menschliches Leben gesendet hat, damit du über die Wunder staunen kannst, die Es dir bereitet hat: die Schönheit der Welt und der Natur. Deine Aufgabe hier auf Erden ist, zu erfahren was es heißt, zu leben, zu lieben, zu vergeben und dein Selbst in deinem Nächsten zu erkennen. Das ist alles, mehr gibt es für dich nicht zu tun. Ich möchte nicht gehen, ohne dir zu sagen, dass der Tod nicht existiert. Hab‘ keine Angst, denn der Tod ist nur eine Illusion des Egos, das so gerne am Alten festhält. Stattdessen ist er ein Übergang und bereitet den Weg in eine neue Form des Seins. Namasté.

„Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.“ – Deepak Chopra